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Die Botschaft von Weihnachten

"Es gibt keine größere Kraft als die Liebe.
Sie überwindet den Hass
wie das Licht die Finsternis."

Autor: Martin Luther King

Bild: Fotolia (Jag_cz)

Wir wünschen wir Ihnen gesegnete Weihnachten, eine stabile Gesundheit und wünschen Ihnen viel Spaß mit der nachfolgenden -etwas anderen- Weihnachtsgeschichte.

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte - mit einer Niere

Der Schock kam bei einer Routineuntersuchung. „Ihre Nieren können nicht mehr"

Christoph Zehendner - Achterbahngefühle

„Für mich? Das kann ich doch unmöglich annehmen ..."
Sie lacht ungläubig, doch ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie nestelt ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche, der Blick wandert durch das Zimmer, das noch die Spuren einer ausgedehnten Feier erkennen lässt. Noch einmal liest sie laut die Sätze, die da auf einem Monitor vor ihren Augen stehen und die sie doch kaum begreifen kann. „Das kann ich doch unmöglich annehmen ...", murmelt sie, schüttelt den Kopf dabei. Und doch strahlt ein vorsichtiges Lächeln durch den Vorhang ihrer Tränen.

Auf dem Tisch drängen sich prächtige Blumensträuße. „Unserer lieben Margarete zum 40.", steht auf einer Karte. „Halt dich tapfer, junges Haus, siehst immer noch wie 30 aus!" auf einer anderen. Daneben Stapel von Päckchen, Paketen, Präsenten in allen Größen, eingehüllt in kostbares Papier. „Bitte keine Geschenke!", hatte sie als klein gedrucktes PS unter die Einladung geschrieben. Und wusste doch schon vorher, dass sich keiner ihrer Kollegen und Freunde daran halten würde.
Was soll sie bloß anfangen mit all den Designer-Espressotassen, Sandwichtoastern, Badezusätzen? Die Schränke in ihrer Wohnung sind vollgestopft mit Geschirr und Besteck und Vasen und Aschenbechern und Kalendern und Kunstdrucken.

Eigentlich hat sie gerne ein wenig Luxus um sich herum, kauft ausgiebig ein, sammelt, entwirft, gestaltet. Der Preis spielt dabei keine große Rolle, sie kann es sich leisten, einen guten Geschmack zu pflegen. „Innenarchitektin hättest du also auch werden können!", hat einer ihre Kollegen aus der Bank vorhin gewitzelt. Doch sie hat sich für eine ganz andere Karriere entschieden. Und hat es dabei weit gebracht. Mit Durchsetzungskraft, Zähigkeit und eisernem Fleiß. Und nicht zuletzt mit dem Charme einer attraktiven Frau, die ihre Wirkung auf die Nadelstreifenträger gezielt einzusetzen versteht.

Doch wie's innen in ihr aussieht, hat nie jemanden interessiert ...
Sie wischt noch einmal über ihre feuchten Augen, steht auf, geht nun unruhig auf und ab zwischen leeren Champagnerflaschen und vollen Aschenbechern, Resten von Fingerfood und exotischen Früchten.
Nicht nur ihre Wohnung hat Stil; sie weiß auch, wie man den angemessenen Rahmen für Festlichkeiten schafft. Alle sind gerne gekommen, alle haben sich wohlgefühlt und sich am Ende für den gelungenen Abend bedankt. Sie kann wieder einmal hoch zufrieden sein mit dem, was sie arrangiert hat.
Und doch fahren ihre Gefühle Achterbahn. Seit vier Wochen schon ... und gerade heute noch viel tiefer hinunter und viel höher hinauf als je zuvor.

Damals ging es völlig überraschend und ohne Vorwarnung mit unglaublichem Tempo nach unten. Rasend schnell, sodass ihr die Luft wegblieb und der Puls raste. Nirgendwo konnte sie sich festklammern, keinem Sicherheitsgurt vertrauen, sie war dem kühlen Fahrtwind schutzlos ausgeliefert, wurde erbarmungslos immer weiter in die Tiefe gezogen.
Der Schock kam bei einer Routineuntersuchung. „Ihre Nieren können nicht mehr", hatte der Chefarzt gesagt und dabei zu Boden geblickt. „Ein paar Wochen noch, dann brauchen sie regelmäßige Dialyse, ihr Blut muss von Maschinen gereinigt werden, weil ihre Nieren dazu nicht mehr in der Lage sind. Drei-, viermal die Woche ein halber Tag dürfte genügen ... Sie werden viel Schlaf brauchen, sich schonen müssen, Ihre Ernährung umstellen. Aber Sie haben die Chance, noch ein paar gute Jahre zu erleben!"
Ein Todesurteil auf Raten. Plötzlich scheint alles anders, alles beendet, was ihr lieb und wichtig war.
In der Bank erzählt sie nach wie vor kein Wort, tut einstweilen so, als sei nichts gewesen. Nur zwei, drei Freundinnen von früher weiht sie ein. Eine Familie, mit der sie reden könnte und reden wollte, gibt es nicht mehr.

Die Eltern lange tot, die zwei älteren Schwestern überfordert mit ihren nörgelnden Männern, tobenden Kindern und Enkeln, Reihenhäuschen und Gartenzwergen. Der jüngere Bruder weit weg, unerreichbar irgendwo in Asien – die letzte Postkarte von ihm kam vor fünf Jahren aus Manila. Statt sich ein paar harmlose Floskeln zum Geburtstag abzuringen, hatte er nur wieder gestichelt, sie aufgezogen mit ihrem Ehrgeiz und ihren kurzlebigen Affären, sie gequält mit der Verachtung, die er für ihren Lebensstil empfand.
Vermutlich sitzt er gerade in irgendeinem Rattenloch ein, weil man ihn mit Drogen erwischt hat. Oder kämpft im Dschungel gegen einen finsteren Diktator. Oder bereitet die Sprengung einer Bank vor, als Zeichen gegen die Macht des Kapitals ... So dachte sie, wenn sie überhaupt einmal an ihren Bruder dachte. Doch jetzt, jetzt sieht sie vor sich eine Mail, die er vor ein paar Stunden von Neuseeland aus losgeschickt hat. Ungläubig liest sie die Worte, versucht sich vorzustellen, wie sie sich aus seinem Mund anhören würden.
„Liebes Gretchen" – so hat sie seit der Schulzeit niemand mehr angesprochen. „Herzlichen Glückwunsch zu deinem runden Geburtstag. Bin sicher: Du siehst immer noch so knusprig aus, dass die Jungs in deiner Nachbarschaft nachts kein Auge zukriegen. Und das soll auch noch sehr lange so bleiben.
Apropos lang: Sonja hat mir geschrieben und erzählt, wie es dir geht. Keine Ahnung, wie sie mich hier am anderen Ende der Welt aufgetrieben hat. Aber sie fand wohl, dass Bruder und Schwester zusammenhalten müssten in einer solchen Lage."

Sonja. Kaum zu glauben, dass die den abgebrochenen Kontakt zwischen den entzweiten Geschwistern wiederhergestellt hat. Ja, mit Sonja hatte sie über ihre Krankheit gesprochen, über ihre Verzweiflung, über ihre panische Angst vor einem Leben an Maschinen. Sonja ist Krankenschwester, weiß Bescheid über Dialysepatienten und ihren Kampf um jede Woche und jedes Jahr Lebenszeit. Und Sonja hatte daraufhin den verlorenen Bruder aufgespürt.
„Gretchen, ich wollte mich so wie so schon länger mal bei dir melden. Bei mir hat sich viel verändert, ich hab ein neues Leben angefangen, hab mich taufen lassen, lebe heute zusammen mit ein paar Leuten von meiner Gemeinde auf einer Farm. Wir kümmern uns um Menschen, die von der Droge wegkommen wollen. Manche sind kaputt nach den Jahren an der Nadel, manche haben Aids, andere tun sich schwer, zu sich selbst zu finden. Wir wollen, dass sie Liebe erleben. Unsere Liebe, aber auch die Liebe Jesu."
Sie schüttelt den Kopf. Ihr kleiner Bruder, der Unruhestifter, der Revolutionär, der Freak – ausgerechnet der will Drogenwracks bekehren?

„Seit letzten Samstag habe ich viel an dich gedacht, Gretchen. Da habe ich einen Satz in der Bibel gelesen, der mich umgehauen hat: ‚Niemand liebt mehr als der, der seine Leben lässt für seine Freunde.' (Kannst du nachlesen, im Johannes-Evangelium, Kapitel 15). Ich weiß auch nicht warum, aber ich musste bei diesem Satz immer wieder an dich denken. Und als ich dann vor ein paar Tagen die Mail von Sonja öffnete, begriff ich.
Gretchen, ich habe mich bestens von meiner eigenen Drogenphase erholt, ich bin gesund, munter, HIV-negativ – und ich habe zwei kerngesunde Nieren. Ich war gerade in der Klinik und habe mich sicherheitshalber genauestens durchchecken lassen, um zu sehen, ob ich überhaupt als Spender tauge. Danach habe ich mir gleich ein Ticket nach Deutschland besorgt (unsere Gemeinschaft hat dafür zusammengelegt und die Melkmaschine ins Pfandhaus gebracht).
Holst du mich bitte am Mittwochvormittag am Flughafen ab? Und machst du schon einmal einen Termin im Krankenhaus aus? Du sollst weiterleben können, mit meiner Niere. Widerspruch zwecklos. Küsschen. Dein kleiner Bruder!"
Lachen und Weinen, Hoffnung und Zweifel – Margaretes Gesicht drückt all das und noch viel mehr aus.
„Ich kann dein Geschenk für mich unmöglich annehmen, Brüderlein", hackt sie in die Tasten des Computers. „Aber ich weiß ja, dass du dir von mir sowieso nichts sagen lässt. Und darum erwarte ich dich am Flughafen. Ich freue mich riesig – nicht nur auf deine Niere!"

Hinweis: Aus dem Buch "Mutter, hol den Tannenduft: Weihnachtsgeschichten zum Staunen, Lachen und Feiern" von Christoph Zehendner, Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch den BRUNNEN Verlag Gießen


Kann ich das Geschenk annehmen?